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Network Codes: Neuer Markt, neue Regeln

Die APG ist federführend an deren Gestaltung beteiligt

03.09.2014

Die europäische Stromversorgung ist im Umbruch. Mit dem Bekenntnis zum Ausbau erneuerbarer Energien hat Europa einen tiefgreifenden Transformationsprozess in der europäischen E-Wirtschaft eingeleitet. Damit der neu entstandene europäische Strommarkt in Zukunft funktionieren kann, sind die Übertragungsnetzbetreiber der ENTSO-E gemäß EU-Rechtsvorschriften mit der Entwicklung einheitlicher Regeln für alle Marktteilnehmer Europas betraut. Die Austrian Power Grid (APG) ist an diesem Prozess federführend beteiligt.

Vor dem Beginn der Strommarktliberalisierung gab es für jeden Übertragungsnetzbetreiber nationale Gesetzesvorgaben, die den Betrieb und die Nutzung des Hochspannungsnetzes sowie die Vergabe von (Cross-Border-)Kapazitäten regelten. Der aktuell vorherrschende, fundamentale Transformationsprozess innerhalb der europäischen E-Wirtschaft (neue, volatile und schwer prognostizierbare Erzeugungsformen, neue Verbrauchsmuster, steigende Preise bei fossilen Treibstoffen sowie die voranschreitende Liberalisierung – und damit einhergehender Zusammenschluss der nationalen Strommärkte zu einem einzigen europäischen) stellt die Übertragungsnetzbetreiber aber vor große Herausforderungen.

Ein integrierter Strommarkt für Europa

Europa braucht einen einheitlichen, grenzübergreifenden Strommarkt. Nur so kann der Kontinent auch in Zukunft eine sichere Stromversorgung zu leistbaren Preisen gewährleisten, wettbewerbsfähig bleiben und seine Klimaziele erreichen. Das „3. Energiepaket“ der EU, dessen Verordnungen und Richtlinien aus dem Jahr 2009 2010 im österreichischen Energierecht umgesetzt wurden, sieht die Ausarbeitung EU-weit einheitlicher Regelungen für den Elektrizitätsbinnenmarkt vor. Zu diesem Zweck definierte die Europäische Kommission Bereiche, für die so genannte Network Codes (NC) – europaweit gültige Regeln für Netzbetrieb und Markt – erarbeitet werden sollen. Diese Network Codes wiederum definieren und harmonisieren zahlreiche Regelungen in den Bereichen Netzbetrieb, Netzanschluss, Engpassmanagement und Regelreserven.  Die Agentur für die Koordination der EU Energieregulatoren (ACER) gibt die Rahmenleitlinien vor, auf Basis derer die ENTSO-E die Codes formuliert. Im Anschluss an den Komitologie-Beschluss sind die Netzkodizes in ganz Europa und somit auch in Österreich geltendes Recht (aktueller Stand siehe Abbildung „Network Codes Overall Timeline“).

10 eigenständige Network Codes

Die ENTSO-E entwickelt derzeit insgesamt zehn Network Codes in den Bereichen Netzanschluss (connection codes), Netzbetrieb (operational codes) und Markt (market codes). Die connection codes definieren einen Rahmen für  den Netzanschluss von  Erzeugern, Verbrauchern sowie von Verteilnetzen. Gemeinsame Regeln für den einheitlichen (Echtzeit-)Betrieb der Netze finden sich in den die operational codes. Einen europaweit funktionierenden Strommarkt, mehr Wettbewerb, die Diversifizierung der Erzeugung und die Optimierung der Übertragungsinfrastruktur sollen wiederum die market codes sicherstellen.

Komplexer Entwicklungsprozess

Sobald sie in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten gesetzlich verankert sind, bilden die Network Codes die Grundlage für eine sichere Stromversorgung und einen europaweit integrierten Strommarkt. Um dieses Ziel zu erreichen, erarbeitet die ENTSO-E – die 41 Übertragungsnetzbetreiber von 34 Ländern repräsentiert – in einem komplexen Entwicklungsprozess Vorschläge für die einzelnen Codes und konsultiert dabei kontinuierlich eine Reihe unterschiedlicher Stakeholder (Erzeuger, Verteilnetzbetreiber, Interessensgemeinschaften etc.), die von den neuen Regeln betroffen sind. Die Konsultation stellt die Ausgeglichenheit der Kodizes sicher, da die Hauptverantwortung bei Erarbeitung bei den Übertragungsnetzbetreibern liegt. Diese wurden von der Europäischen Kommission, dem Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament als neutrale, unabhängige Stelle innerhalb der E-Wirtschaft für die Bewältigung dieser Aufgabe nominiert.

 

Alle 41 ENTSO-E-Mitglieder sind in die Code-Entwicklung eingebunden. Die Verantwortung für die Entwicklung und Erstformulierungen liegt jedoch bei so genannten Drafting Teams, die sich aus mehreren Experten von mitwirkenden Übertragungsnetzbetreibern sowie aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem ENTSO-E Sekretariat zusammensetzen und jeweils von einem so genannten Convenor geleitet werden. Mit Tahir Kapetanovic (NC on Operational Security/Betrieb) und Christian Todem (NC on Electricity Balancing/Markt) stellt die APG zwei dieser Convenor. Die APG ist damit als Österreichs unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber federführend am Gestaltungsprozess der neuen Marktregeln beteiligt und übernimmt Führungsverantwortung auf internationaler Ebene.