photocasediiccamm55418602_News_Header_978_415

Netzengpässe können Energiewende gefährden

05.12.2012

Trotz der massiven Netzinvestitionen der letzten Jahre warnt die APG, Österreichs unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber, vor in Zukunft möglichen Einschränkungen bei der Einspeisung österreichischer Windenergie. Projekte wie die Salzburgleitung und die 380-kV-Verbindung nach Deutschland sind notwendige Grundvoraussetzungen dafür, dass die bis 2020 geplanten zusätzlichen rund 3.000 MW Windkraftleistung im Osten Österreichs ans Netz gebracht werden können.

 

 

Herausforderung Energiewende

Die zentrale Entwicklung der letzten Jahre ist die Einleitung einer neuen Ära in der Stromerzeugung. Die EU hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 den Anteil von erneuerbaren Energien an der Gesamtproduktion auf 20 Prozent zu erhöhen. Die derzeit vorliegenden Pläne sehen einen Ausbau der Stromerzeugung aus regenerativen Quellen von derzeit 80 GW auf 450 GW im Jahr 2020 vor. In Österreich soll insbesondere die Produktion aus Windkraft (von derzeit 1 GW auf 4 GW im Jahr 2020) und Photovoltaik (von derzeit 0,3 GW auf 2 GW im Jahr 2020) ausgebaut werden.

Dies hat weitreichende Auswirkungen auf den Energiesektor im Allgemeinen und die Übertragungsnetze im Besonderen. Denn die APG steht durch die stark zunehmende Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien vor gewaltigen technischen Herausforderungen. Das verlässliche Management der Übertragungsnetze und damit die Sicherstellung der Versorgungssicherheit sind insbesondere bei den starken Produktionsschwankungen bei Wind und Sonne ungleich schwieriger, als bei den leichter prognostizierbaren Energiequellen wie etwa der Wasserkraft. Die APG hat diese Veränderungen in den letzten Jahren erfolgreich gemanagt, die gewachsenen Herausforderungen sind aber an der stark steigenden Anzahl der notwendigen Netzeingriffe (2009: 1.800 Eingriffe, 2011: 2.500 Eingriffe) ablesbar.

 

Leistungsstarke Netze als Voraussetzung für die Energiewende

Unbedingte Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende ist die Optimierung und der rasche Ausbau der Netzinfrastruktur. Mit dem Bau der Steiermarkleitung sowie des ersten Teilabschnitts der Salzburgleitung konnte die APG in dieser Hinsicht wichtige Meilensteine erreichen. Im September 2012 wurde der zweite Teilabschnitt der Salzburgleitung zur Umweltverträglichkeitsprüfung bei den zuständigen Behörden in Salzburg und Oberösterreich eingereicht und damit ein weiterer wesentlicher Schritt gesetzt. Neben den Leitungsbauten sind auch zahlreiche andere Netzertüchtigungsmaßnahmen umgesetzt worden. So wurden etwa die europaweit ersten Spezialtransformatoren – sogenannte Phasenschiebertrafos – an neuralgischen Punkten im APG-Netz installiert, die eine ganz wesentliche Stabilisierungsfunktion im österreichischen Stromversorgungssystem übernehmen.

Trotz all dem Erreichten wird auch in Zukunft ein weiterer Ausbau der Netzinfrastruktur notwendig sein, um mit dem Ausbautempo der erneuerbaren Energien Schritt halten zu können. Große Hürden wie lange Genehmigungsverfahren führen im Moment zu Verzögerungen, welche die Realisierung von wichtigen Infrastrukturprojekten auf Jahre hinausschieben. Dies stellt ein ernstes Problem für die Umsetzung der Energiewende dar. Schnellere und effizientere Genehmigungs- und Prüfungsverfahren sind dringend erforderlich.

Die APG hat in den letzten zehn Jahren unter schwierigen Rahmenbedingungen viel erreicht. Der Umbau der Netzinfrastruktur, der durch die Energiewende notwendig ist, steht aber erst am Anfang und wird mit Sicherheit eine der zentralen Herausforderungen bleiben.

 

APG-Projekte zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit in Österreich

Die APG arbeitet kontinuierlich an der Optimierung ihres Netzes, welche die Versorgungssicherheit in Österreich erhöht und den Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien Rechnung trägt. Die vier wichtigsten Neubau-Projekte der APG sind:

  • 2. Teilabschnitt Salzburgleitung: € 600 Mio. für die Versorgungssicherheit

Mit der Einreichung der Projektunterlagen bei den UVP-Behörden in Salzburg und Oberösterreich im September 2012 wurde ein wichtiger Meilenstein in diesem Projekt erreicht. Der Bau des 2. Teilabschnitts der Salzburgleitung ist ein zentrales Element im APG-Netzkonzept. Denn erst mit der Fertigstellung der Salzburgleitung kann der 380-kV-Sicherheitsring im Westen geschlossen werden, der die Grundlage für die nachhaltige Versorgungssicherheit Österreichs bildet. Der 380-kV-Sicherheitsrings ermöglicht außerdem erst die Einbindung der Windkraft im Osten Österreichs (Burgenland, Teile Niederösterreichs) und deren Verbindung mit den Pumpspeicherkraftwerken in den Alpen. Nur durch die Salzburgleitung kann zudem die gesamte Salzburger Stromnetzinfrastruktur optimiert werden – das bedeutet für die Salzburger Bevölkerung ganz konkret wesentlich weniger Strommaste und weniger Leitungen. Insgesamt investiert die APG in Salzburg über 600 Millionen Euro, wobei nach den Erfahrungen aus früheren Projekten ungefähr 80 Prozent der Wertschöpfung in Österreich verbleibt. Dazu kommen zahlreiche wirtschaftliche Multiplikatoreffekte.

  • Integration von Windenergie aus Ostösterreich: Investitionen von € 240 Mio.

In Ostösterreich wird es in den kommenden Jahren zu einem weiteren starken Ausbau der Windenergie kommen. Beispiele sind das Weinviertel, wo zu den bestehenden 360 MW weitere 750 MW Windkraftleistung installiert werden sollen. Im Raum Brucker Becken/Groß Enzersdorf ist eine Erhöhung um 650 MW (momentan 200 MW) geplant, im  Burgenland (Parndorfer Platte) sollen zu den aktuellen 350 MW weitere 950 MW hinzukommen. Um das volle Potenzial der österreichischen Windkraft nutzen zu können, muss die Netzinfrastruktur in großem Umfang neu gestaltet werden. Die Einspeisung des Windstroms ins 380-kV-Netz der APG ermöglicht es in Zeiten der Überproduktion den Überschuss in die weit entfernten Verbrauchszentren bzw. zu Pumpspeicherkraftwerken im Alpenraum abzutransportieren. Die APG investiert bis 2020 in die Erweiterung und Neuerrichtung von Umspannwerken zur Integration von Windenergie insgesamt rund 170 Mio. Euro. Zusätzlich werden rund 70 Mio. Euro für die Verstärkung von APG-Leitungen aufgewendet. Konkrete Vorhaben sind dabei die Errichtung zusätzlicher Transformatoren in den Umspannwerken Zurndorf, Sarasdorf und Bisamberg (jeweils rund 12 Mio. Euro pro Transformator). Die Auflage eines 2. Systems von Wien Südost bis zur ungarischen Grenze nach Györ und die Montage eines dritten Teilleiters auf der 380-kV-Burgenlandleitung waren weitere wichtige Vorbereitungsmaßnahmen zur Einbindung der Windenergie im Osten.

  • 380-kV-Anbindung nach Deutschland (St. Peter)

Zwischen Deutschland und Österreich besteht bereits jetzt ein intensiver Stromaustausch, der sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken wird. Hauptgrund für diese Entwicklung ist das stark wachsende Windstromaufkommen in Norddeutschland, das auch von heimischen Anbietern aufgrund des attraktiven Preises eingekauft wird. Darüber hinaus wird überschüssiger Windstrom in den Pumpspeicherkraftwerken in den österreichischen Alpen gespeichert. Die Kapazität der bestehenden 220-kV-Leitungen ist ausgeschöpft. Der Neubau einer 380-kV-Leitung vom Netzknoten St. Peter (Österreich) bis zum Netzknoten Ottenhofen (Deutschland) ist daher dringend notwendig und befindet sich derzeit in der Planungsphase. Der Start des UVP-Verfahrens ist für das Jahr 2013 vorgesehen.

  • Aufrüstung der Donauschiene auf 380 kV

Die bestehende Leitung zwischen dem Netzknoten Ernsthofen und dem Netzknoten St. Peter wird im Moment auf der Spannungsebene 220 kV betrieben. Die energiewirtschaftlichen Entwicklungen machen eine Aufrüstung von 220 auf 380 kV notwendig, die bereits genehmigt ist. Das erfolgt ohne einen Neubau und ist eine zentrale Maßnahme zum Schluss des 380-kV-Sicherheitsrings. Die Umstellung sorgt für eine massive Erhöhung der Ost-West-Kapazität, die für den Transport von überschüssiger erneuerbarer Energie aus dem Osten in die Pumpspeicherkraftwerke im Westen eine tragende Rolle spielt. Die Umstellung soll 2013 abgeschlossen sein.

 

Umfangreiche Investitionen brauchen entsprechende finanzielle Basis: € 2 Mrd. bis 2020

Die ENTSO-E identifiziert europaweit bei den Übertragungsnetzen einen Ausbaubedarf von 51.500 km Leitungen, davon rund 3.500 km im deutschen Netz. In Österreich definiert der Netzentwicklungsplan 2012 (NEP) einen Ausbaubedarf von 220 km auf der Höchstspannungsebene. Die Umsetzung der APG-Projekte ist mit großen Investitionen verbunden. Laut Berechnungen der APG sind insgesamt (Leitungsbauten und andere Netzverstärkungsmaßnahmen) bis zum Jahr 2020 rund zwei Milliarden Euro notwendig, um die Versorgungssicherheit in Österreich auf dem gewohnt hohen Niveau zu halten.

 

Strommarkt ist europäisch: APG gestaltet aktiv mit

Der Strommarkt ist bereits heute europäisch. Diese Entwicklung setzt sich in den kommenden Jahren weiter fort. Die APG gestaltet im Rahmen ihrer Mitgliedschaft in der ENTSO-E auf europäischer Ebene die Rahmenbedingungen aktiv mit. So garantiert sie ein abgestimmtes Vorgehen mit den nationalen Übertragungsnetzbetreibern der europäischen Staaten.

Die sich verstärkende Europäisierung führt zu einer größeren Dynamik des Markts. Ein guter Indikator dafür sind die rasant wachsenden, grenzüberschreitenden Austausche („Intraday-Geschäfte“). Im Jahr 2011 erreichte der tägliche Umfang solcher kurzfristigen transnationalen Geschäfte bereits 1.200 GWh, während es im Jahr 2009 noch 800 GWh waren. Anfang 2013 wird zusätzlich auch der Intraday-Handel zwischen Österreich und Italien aufgenommen. Um den steigenden Anforderungen des Markts begegnen zu können und diese verlässlich zu managen, hat die APG einen erweiterten Schichtdienst in der Hauptschaltleitung in Wien Südost eingerichtet.