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SRR-KOOPERATIONEN ÖSTERREICH/DEUTSCHLAND

Gemeinsame Beschaffung und Aktivierung von Sekundärregelleistung in Österreich und Deutschland

Imbalance Netting und SRL-Aktivierungsoptimierung

Die deutschen sowie der österreichische Übertragungsnetzbetreiber (TSO) sind bereits Teil des Internationalen Netzregelverbundes (IGCC). In dieser Kooperation wird die gegenläufige Aktivierung von Sekundärregelleistung (SRL) vermieden, indem in beiden Ländern ein Bedarfsausgleich (Imbalance Netting) durchgeführt wird.

Darüber hinaus wurde 2016 eine Kooperation zwischen der APG und den deutschen TSOs zur Optimierung der SRL-Aktivierung erfolgreich in Betrieb genommen. Diese Optimierung basiert auf einer gemeinsamen Abrufliste (Merit Order List - MOL) und auf einem TSO-TSO-Modell [1]. In beiden Ländern kann so die aus wirtschaftlicher Sicht günstigste SRL zum Einsatz kommen. Mit der koordinierten Optimierung der SRL-Aktivierung erfüllen APG und die deutschen TSOs schon frühzeitig eine zentrale Forderung der Guideline on Electricity Balancing (EBGL).

Die bezuschlagten SRL-Angebote aus AT und DE werden dazu in einer gemeinsamen MOL zusammengeführt und die Gebote entsprechend ihrer Arbeitspreise sortiert. Die SRL-Aktivierung erfolgt auf Basis dieser gemeinsamen MOL mit dem Ziel des gemeinsamen wirtschaftlichen Optimums. Dazu wird die zugewiesene sowie die nach dem Intraday-Handel verfügbare Übertragungskapazität an der Grenze AT-DE berücksichtigt. Im Falle betrieblicher Beschränkungen der Grenze AT-DE oder wenn nicht ausreichend grenzüberschreitende Übertragungskapazitäten verfügbar sind, muss die koordinierte SRL-Aktivierung vom finanziellen Optimum abweichen und wird entsprechend der nationalen MOLs durchgeführt.

Gemeinsame Beschaffung von SRL

Der nächste Schritt zur Vertiefung der Kooperation zwischen AT und DE ist die gemeinsame Beschaffung von SRL, die wieder auf einem TSO-TSO Modell [1] basiert. Somit ergeben sich für die Marktteilnehmer keine Anpassungen hinsichtlich der IT-Schnittstellen. Für SRL-Anbieter in AT verbleibt das Tendering und Trading System (TTS) der APG weiterhin das zentrale Interface.  

Der SRL-Bedarf von AT und DE wird entsprechend der Dimensionierungen täglich durch zeitgleiche (nationale) Ausschreibungen beschafft. Der Zuschlag der SRL-Gebote erfolgt mittels eines zentralen Beschaffungsalgorithmus unter Berücksichtigung der grenzüberschreitenden Übertragungskapazität, die für den SRL-Austausch zugewiesen wurde (siehe Abbildung 1). Daher kann es dazu kommen, dass abhängig von den abgegebenen SRL-Geboten in einem Regelblock mehr SRL beschafft wird als dimensioniert wurde. Im kooperierenden Regelblock kann daher entsprechend weniger SRL beschafft werden. In Summe werden in jedem Fall die national dimensionierten Bedarfe erfüllt. Die Information über den Zuschlag erfolgt wie gewohnt über die jeweiligen (nationalen) Ausschreibungsplattformen.

Abbildung 1: Grundfunktion der gemeinsamen Beschaffungsoptimierung

Durch die gemeinsame Beschaffung von SRL steht den österreichischen Anbietern ohne weitere notwendige Präqualifikation ein größerer Markt zur Verfügung. Darüber hinaus profitiert der österreichische Markt und damit das Gesamtsystem von einer erhöhten Liquidität des Marktes und einer damit einhergehenden Kosteneinsparung.

Harmonisierung der Produkte und Marktregeln

Die gemeinsame Beschaffung von SRL erfordert, dass die Produkte und Ausschreibungsregeln in AT und DE harmonisiert sind. Bereits 2017 wurden im Zuge einer ersten Harmonisierungswelle tägliche Ausschreibungen eingeführt und die Produktzeitscheiben von Haupttarif (Peak) und Nebentarif (Offpeak) auf einheitliche 4-Stunden-Produkte verkürzt. Die zeitgleiche Ausschreibungsöffnung für einen Liefertag (Gate Open Time - GOT) erfolgt jeweils eine Woche vor dem Liefertag D, und zwar D-7 um 10:00. Der Ausschreibungsschluss (Gate Closure Time - GCT) findet am Vortag des Liefertags D statt, d.h. (D-1) um 08:00 Uhr. Entsprechend den Vorgaben der EBGL wurden entsprechende Anträge mit Marktteilnehmern konsultiert und von den Regulierungsbehörden genehmigt.

Zuweisung von Übertragungskapazitäten für den Austausch von SRL

Um gemeinsam SRL beschaffen zu können, müssen im Vorfeld grenzüberschreitende Übertragungskapazitäten für den Austausch von SRL zugewiesen werden. Diese Zuweisung ermöglicht den kooperierenden TSOs, jederzeit auf benötigte, jedoch im kooperierenden Regelblock angeschlossene SRL zugreifen zu können. Grenzüberschreitende Übertragungskapazitäten, die für den Austausch von SRL zugewiesen wurden, werden im Rahmen der JAO-Monatsauktion von der handelbaren grenzüberschreitenden Übertragungskapazität abgezogen und stehen somit dem Energiehandel nicht zur Verfügung.

Um die optimale Zuweisung zu ermitteln, haben APG und die deutschen TSOs eine Kosten-Nutzen-Analyse (Cost-Benefit-Analysis - CBA) entwickelt, die den Wert der grenzüberschreitenden Übertragungskapazität am Day-Ahead Markt mit dem Wert dieser Übertragungskapazität für Sekundärregelreservemärkte vergleicht. Dieser Vergleich wird jeweils vor der monatlichen Auktion grenzüberschreitender Übertragungskapazität durchgeführt. Für die initiale Phase der gemeinsamen Beschaffung ist die maximale Zuweisung auf 80 MW begrenzt. Abbildung 2 beschreibt schematisch die Gegenüberstellung der Marktwerte sowie die Zuweisung der grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten.

Abbildung 2: Darstellung der Kosten-Nutzen Analyse

Rückgabe von Übertragungskapazitäten an den Energiemarkt

Nach dem monatlichen Prozess zur Zuweisung grenzüberschreitender Übertragungskapazität wird die Höhe wöchentlich erneut evaluiert. Zu diesem Zweck wird vor jeder GOT der ersten SRL-Ausschreibung einer Kalenderwoche eine zusätzliche CBA durchgeführt. Analog zur monatlichen CBA werden wieder der Marktwert grenzüberschreitender Übertragungskapazität für Sekundärregelreservemärkte mit demjenigen für den Day-Ahead Markt verglichen. Sollte die wöchentliche Evaluierung eine niedrigere optimale Zuweisung ergeben, wird die Differenz zum monatlichen Ergebnis dem Intraday-Markt zur Verfügung gestellt. Abbildung 3 zeigt die Prozesse der monatlichen Zuweisung sowie der Rückgabe nicht benötigter grenzüberschreitender Übertragungskapazitäten auf Grundlage der monatlichen und wöchentlichen CBAs.

Abbildung 3: Prozess der Kapazitätszuweisung und Rückgabe

Die für den SRL-Austausch nicht benötigten Übertragungskapazitäten sollen dabei im Rahmen des Increase-Prozesses der CWE-Region an den Intraday-Markt zurückgegeben werden. Dazu wird im Falle einer Rückgabe ein „Increase-Request“ gestellt, um die verfügbare Kapazität für den Intraday Markt zu erhöhen. Eine tatsächliche Erhöhung der Intraday-Kapazität kann jedoch nur bei entsprechender Netzsituation erfolgen.

Veröffentlichung

Nach jeder monatlichen CBA werden die für SRL zugewiesenen grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten auf einer Website der APG (hier) veröffentlicht, getrennt für Import- und Exportrichtung. Nach der Evaluierung im Rahmen einer wöchentlichen CBA werden die entsprechenden Werte der für den SRL-Austausch zur Verfügung stehenden grenzüberschreitenden Übertragungskapazität aktualisiert.

Die Ergebnisse der SRL-Ausschreibungen werden in Österreich und Deutschland innerhalb einer Stunde nach GCT auf den jeweiligen Ausschreibungssystemen (https://www.regelleistung.net/ext/ in DE und https://tts.apg.at/emwebapgrem/startApp.do in AT) veröffentlicht.

Die Veröffentlichung beinhaltet alle bezuschlagten Gebote mit dem jeweiligen Leistungs- und Arbeitspreis. Nachgelagert veröffentlicht werden außerdem u.a. die national aktivierte SRL, die zwischen AT und DE zustande gekommenen Mengen aus dem Imbalance Netting sowie die jeweils füreinander aktivierten und ausgetauschten SRL-Mengen.

Abrechnung

Die Abrechnung zwischen den TSOs und den SRL-Anbietern bleibt in beiden Ländern unverändert. Für SRL kommt bei APG sowohl der Leistungspreis für die zugeschlagene Leistung sowie der Arbeitspreis für die tatsächlich abgerufene Energie (Vergütung) zum Zug.

Die gemeinsame Beschaffung von SRL kann zu Situationen führen, in denen ein Regelblock SRL für den kooperierenden Regelblock vorhält. Um die Kostenneutralität der TSOs zu gewährleisten, wird die jeweils grenzüberschreitend vorgehaltene SRL zwischen den kooperierenden TSOs verrechnet. Für die TSO-TSO Verrechnung wurde ein Modell gewählt, in dem die jeweils teuersten im Regelblock zusätzlich zugeschlagenen Gebote an den kooperierenden Regelblock weiterverrechnet werden.

Zusätzlich erfordert die Kooperation zur SRL-Aktivierung eine Regelung zur Abrechnung von Aktivierungen für Kooperationspartner. APG und die deutschen TSOs haben sich darauf geeinigt, dass alle Kooperationspartner den gleichen spezifischen Preis für aktivierte SRL je Produktrichtung bezahlen sollen. Findet in einer Viertelstunde aufgrund der Preissituation oder aufgrund betrieblicher Beschränkungen keine grenzüberschreitende SRL-Aktivierung statt, bestimmen sich die Preise jedoch weiterhin auf Basis der Preise lokal aktivierter Gebote. Eine Abrechnung zwischen den TSOs ist in diesen Fällen nicht nötig. In den untenstehenden Beispielen sind beide Abrechnungssituationen mit der gleichen Bedarfssituation dargestellt.

Im Rahmen der Imbalance Netting Kooperation erfolgt die Abrechnung auf Basis von Opportunitätspreisen der einzelnen Regelzonen.

Beispiele für die Abrechnung der SRL-Aktivierung

Abbildung 4 beschreibt die regelblockübergreifende SRL-Aktivierung. AT liefert innerhalb einer Viertelstunde 40 MWh an positiver SRL an DE und DE 25 MWh an AT. Es ergeben sich damit mittlere spezifische Arbeitspreise von 93,333 EUR/MWh für positive SRL und -2,000 EUR/MWh für negative SRL. Anhand dieser Preise und der im Regelblock benötigten SRL werden die Sollkosten je Regelblock und Produktrichtung ermittelt. Die Differenz zwischen diesen Sollkosten und den Istkosten (Kosten aus der Abrechnung mit den Anbietern) wird zwischen den TSOs ausgeglichen (hier: 3.016,67 EUR).

>>>Abbildung 4: Beispiel mit regelblockübergreifendem Austausch von Sekundärregelarbeit

Findet keine grenzüberschreitende SRL-Aktivierung zwischen den Regelblöcken statt, so entsprechen die Sollkosten den Istkosten. Ein finanzieller Ausgleich zwischen den Regelblöcken findet daher nicht statt. Durch die Abweichung von der gemeinsamen MOL ergeben sich i.d.R., wie in Abbildung 5 dargestellt, insgesamt höhere Abrufkosten. Die Sollkosten steigen entsprechend in mindestens einem Regelblock an (vgl. gelb markierte Werte).

>>>Abbildung 5: Beispiel ohne regelblockübergreifendem Austausch von Sekundärregelarbeit

 

 [1] Im TSO-TSO-Modell sind die jeweiligen TSOs für die Dimensionierung, Präqualifikation, Beschaffung und Aktivierung von SRL verantwortlich und fungieren als erster Ansprechpartner für in ihrer Regelzone technisch angeschlossenen SRL-Anbieter. Die operativen Prozesse zwischen TSOs und Anbietern bei der SRL-Aktivierung ändern sich durch die Kooperationen nicht.