Gemeinsamer Einsatz von Sekundärregelleistung in Deutschland und Österreich

16.06.2016

Hintergründe der Kooperation (Pilotprojekt/Vorreiter Rolle in EU)

Die deutschen sowie der österreichische Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) sind bereits Teil des internationalen Netzregelverbundes (IGCC). In dieser Kooperation wird der gegenläufige Abruf von Sekundärregelleistung (SRL) vermieden, indem in beiden Ländern ein Bedarfsausgleich (Netting) durchgeführt wird.

Als nächsten Schritt vertiefen die deutschen und der österreichische ÜNB nun ihre Kooperation durch Optimierung des SRL-Einsatzes anhand einer gemeinsamen Abrufliste (Merit Order) und basierend auf einem TSO-TSO-Modell[1]. Auf diese Weise kann in beiden Ländern die aus wirtschaftlicher Sicht günstigste SRL zum Einsatz kommen, sofern keine operativen Netzrestriktionen an der gemeinsamen Grenze wirken. Dies senkt die Kosten für Regelarbeit. Mit der koordinierten Optimierung des SRL-Einsatzes antizipieren AT und DE schon jetzt eine zentrale Forderung der zukünftigen Guideline on Electricity Balancing (GL EB).

Der Start der Kooperation ist für den 11. Juli 2016 geplant, unter der Voraussetzung einer weiterhin reibungslosen technischen Implementierung. Als    nächster Schritt wird zur weiteren Vertiefung der Kooperation auch eine gemeinsame Beschaffung von SRL geprüft.

Harmonisierung der Produkte und Marktregeln

Die Produkte und Ausschreibungsregeln werden soweit erforderlich harmonisiert, um diese Kooperation zwischen Österreich und Deutschland zu ermöglichen. Der dimensionierte SRL-Bedarf von Österreich wird wöchentlich durch zeitgleiche (nationale) Ausschreibungen, differenziert nach Haupttarif (Peak) und Nebentarif (Offpeak) beschafft werden. Dies ist an die derzeitigen Marktregeln in Deutschland angelehnt. Die zeitgleiche Ausschreibungseröffnung für eine Lieferwoche (Gate Open) findet am Freitag der Vorvorwoche um 12:00 Uhr statt, der zeitgleiche Ausschreibungsschluss (Gate Closure) am Mittwoch der Vorwoche um 15:00 Uhr.

Die Mindestgebotsgröße beträgt 5 MW und kann in 1-MW-Schritten erhöht werden.

Vor dem Hintergrund des momentan in Deutschland laufenden SRL-Konsultationsverfahrens überlegen die beteiligten ÜNB, wie die Ausschreibungsregeln in Zukunft insbesondere hinsichtlich Produktgranularität und Ausschreibungszeiträumen gemeinsam weiterentwickelt werden können.

Gemeinsame Aktivierung und Netting

Die national bezuschlagten SRL-Angebote werden in einer gemeinsamen Merit-Order-Liste (MOL) zusammengeführt. Hierzu werden die Gebote entsprechend dem Arbeitspreis aufsteigend sortiert. Bei Preisgleichheit wird zusätzlich der Leistungspreis und als nachgelagertes Kriterium der Zeitstempel des Gebotseingangs berücksichtigt.

Der Abruf von SRL erfolgt nun gemäß der somit gebildeten gemeinsamen MOL mit dem Ziel des gemeinsamen wirtschaftlichen Optimums unter Berücksichtigung von operativen oder betrieblichen Beschränkungen an der Grenze AT-DE.

Im Fall von operativen oder betrieblichen Beschränkungen an der Grenze DE-AT werden Abrufe von Sekundärregelreservearbeit abweichend vom finanziellen Optimum entsprechend der nationalen  MOL durchgeführt.

Veröffentlichung

Mit dem Start der Kooperation werden, wie derzeit bereits in Deutschland gehandhabt, innerhalb einer Stunde nach Ausschreibungsschluss die Ergebnisse der zum gleichen Zeitpunkt durchgeführten SRL-Ausschreibungen auf den jeweiligen Ausschreibungssystemen (www.regelleistung.net in DE und www.apg.at/emwebapgrem in AT) veröffentlicht.

Die Veröffentlichung beinhaltet alle bezuschlagten Gebote mit dem jeweiligen Leistungs- und Arbeitspreis. Ebenfalls veröffentlicht werden nachgelagert u. a. die national aktivierte SRL, die zwischen AT und DE zustande gekommenen Netting-Mengen und die jeweils füreinander aktivierten SRL-Mengen, welche über die Grenze ausgetauscht wurden.

Abrechnung

Die Abrechnung zwischen den ÜNB und den SRL-Anbietern bleibt in beiden Ländern unverändert.

Da das Ziel der Kooperation eine Minimierung der Kosten für die Sekundärregelreservearbeit mit Hilfe des Abrufs aus einer gemeinsamen SRL-MOL ist, wird es dazu kommen, dass ein Land, z. B. AT, eine SRL-Aktivierung für das andere Land, z. B. DE, durchführt, weil es über die preisgünstigeren SRL-Angebote verfügt. Aus diesem Grund wird eine Abrechnung zwischen den ÜNB benötigt. Diese ist so gestaltet, dass die ÜNB in beiden Ländern am Ende den gleichen spezifischen Preis für die benötigte Sekundärregelreservearbeit je Regelrichtung bezahlen.

Findet in einer Viertelstunde aufgrund der Preissituation oder aufgrund betrieblicher Beschränkungen kein SRL-Austausch zwischen den Ländern statt, wird keine Abrechnung zwischen den ÜNB durchgeführt und die Sekundärregelreservearbeitspreise bestimmen sich ausschließlich aus den Preisen der lokal aktivierten Gebote.

Die Abrechnung der Vermeidung gegenläufiger SRL-Aktivierung erfolgt entsprechend dem auch in IGCC-Abrechnung angewandten Verfahrens auf Basis von Opportunitätspreisen im jeweiligen Land.

Beispiel für die Abrechnung der Sekundärregelreservearbeit



[1] Im TSO-TSO-Modell sind die jeweiligen ÜNB für die Dimensionierung, Präqualifikation, Beschaffung und Aktivierung von Sekundärregelung und als erster Ansprechpartner der in ihrer Regelzone technisch angeschlossenen SRL-Anbieter verantwortlich. Die operativen Prozesse zwischen TSO und Anbieter beim Abruf von Regelreserve ändern sich durch die Kooperation nicht.